Provinz Messenien im Altertum oder: was hat Messina mit Messenien tun? Vortrag von Prof. Dr. Wolff Parmentier, Karlsruhe/Lachanada am 02.06.2006 in Finikounda, Taverne "To Kyma" Die Veröffentlichung erfolgt auf dieser Homepage mit freundlicher Genehmigung des Verfassers In Griechenland hat die europäische Geschichte ihren Anfang genommen und fast jeder Ort hat seine zweieinhalbtausendjährige Geschichte. Die Gegend um Methoni und Pylos hat sogar eine dreieinhalbtausendjährige Geschichte. Und eine Kenntnis dieser Geschichte ist Voraussetzung dafür, daß man sich hier richtig zu Hause fühlt. Diese westliche Halbinsel der Peloponnes heißt geographisch Messenien, ebenso im Altertum die Landschaft bis hinauf nach Kyparissia und hinüber nach Kalamata, und der moderne Regierungsbezirk (Nomós) Griechenlands trägt den gleichen Namen. Zur Verwirrung trägt heute wie schon im Altertum bei, daß es auch eine Stadt namens Messene gibt, die im Altertum am oder auf dem Berg Ithome lag, man nennt sie jetzt Alt-Messini, die heute aber 15 km weiter südlich neu erbaut worden ist. So hieß angeblich die Tochter des Triopas, König von Argos, die ihren Gatten Polykaon zur Eroberung dieses Landstrichs angestiftet hatte. Ihr Tempel stand später in Messene am Berg Ithome, wie Pausanias berichtet. So die griechische Überlieferung, die für alle Orte einen Gott, Heros oder sonstigen Namenspatron brauchte. Heute, wo man alles rational erklären möchte, nimmt man dagegen an, daß der Name von mesos = Mitte kommt, weil die Landschaft um den Pamisosfluß in der Mitte zwischen Taygetos und Likodimos gelegen war1. Pylos und Methoni wurden erst später zu Messenien gerechnet. Sie liegen ja auch abseits und jenseits der Berge, vom Pamisos aus gesehen. Der antike griechischen Schriftsteller Pausanias hat um das Jahr 160 n.Chr. Griechenland bereist und einen umfangreichen Reisebericht verfaßt, den ersten Griechenland-Reiseführer, der zur Unterrichtung der reichen Römer bestimmt war, welche damals Griechenland zur Vervollständigung ihrer Bildung gerne besuchten. Seine 10 Bücher der sogenannten Periegese stellen für die Archäologen die wichtigste Quelle dar, wenn es um die Benennung der zahlreichen antiken Ruinenstätten in Hellas geht, deren Namen uns sonst meist unbekannt geblieben wären. Er hat auch Messenien ausführlich besucht und im vierten Buch seiner Periegese beschrieben. Von ihm wissen wir z.B., daß dort, wo jetzt (Finikous) Finikounta liegt, damals ein Ort namens Phinikous, also das Phönizische, lag, und auf diesen antiken Namen haben die modernen Bewohner zurückgegriffen, als es darum ging, der in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts am Meer heranwachsenden Siedlung einen Namen zu geben. Die Straße, die von der Kirche bis zur Pizzeria Medusa zieht, trägt den Namen dieses Pausanias des Periegeten, wenn er auch nirgends angeschrieben steht. Man hat das einfach zu wissen! Wenn wir heutzutage durch Messenien fahren, so fällt uns sofort auf, daß im Gegensatz zur übrigen Peloponnes Ruinen oder sonstige Überreste aus der klassischen Antike, worunter man die Zeit zwischen etwa 550 und 400 v.Chr. versteht, vollständig fehlen. Demgegenüber sind die Überreste aus der mykenischen Epoche etwa zwischen dem 16. und 12. Jhdt. v. Chr. besonders zahlreich. Dazu gehören nicht nur der berühmte Palast des Nestor bei Chora, sondern auch die vielen Kuppelgräber, die bedeutendsten nördlich von Kyparissia in Peristeria, die dem Vater des Nestor Neleus zugeschrieben werden, seit neuestem auch ein weiterer Palast bei Iklaina, wo eine Gruppe amerikanischer Archäologen gerade mit Ausgrabungen auf Grund von Satellitenaufnahmen begonnen hat. Geringe Funde aus der mykenischen Epoche sind auch in Finikounta auf dem Kirchhügel beim Restaurant Elena gemacht worden. Wir kennen sogar den Namen, den diese mykenische Ansiedlung um 1200 v. Chr. getragen hat. Er taucht mehrfach auf den mykenischen Linear B-Schrifttäfelchen auf, die im Nestor-Palast aufgefunden wurden. Er lautete KA_RA_DO_RO, d.h. die 2 Schluchten, und kommt mit Sicherheit von den Abgründen, welche von den Höhen zum Meer hinab führen. Damals in mykenischer Zeit war Messenien ein kulturelles und politisches Zentrum Griechenlands. Messenien ist wasserreich und ungemein fruchtbar und war deshalb in der mykenischen Zeit 1600 – 1200 v. Chr. dicht besiedelt. Dies erkennen wir heute noch an den zahlreichen mykenischen Kuppel- oder Tholos-Gräbern, auf welche uns die braunen Hinweisschilder an allen Straßen aufmerksam machen, auch an den Palästen aus dem mykenischen Zeit, vor allem dem des Nestor bei Pylos. Die sogenannte Linear-B-Schrift, in der in mykenischer Zeit die Aufzeichnungen in den Archiven der mykenischen Paläste verfaßt wurden, konnte von dem englischen Architekten Michael Ventris im Jahre 1952 erst entziffert werden, nachdem im Nestor-Palast über 1000 dieser Schrifttäfelchen entdeckt worden waren. Und auf diesen Täfelchen ist uns die Geographie von Messenien ausführlich mit vielen Ortsnamen überliefert, darunter auch Pylos und Kyparissia. Schon in Homers Ilias wird Messenien erwähnt. Damals etwa 1200 v.Chr. gehörte es zum Reich des Menelaus, König von Sparta, dessen Frau, die schöne Helena, mit dem Trojanerprinzen Paris durchgegangen war und damit den Anlaß zum Trojanischen Krieg gegeben hatte. Als Agamemnon im Verlauf der Belagerung Trojas versuchte, den zürnenden Achill zum Weiterkämpfen zu bewegen, bot er ihm als Geschenk 7 Städte an, die alle hier in Messenien gelegen waren, darunter Kardamyle, Pherai (Kalamata) und Pedasos (Methoni). Einen Einblick in das Leben dieser Zeit gibt uns Homer im dritten Buch seiner Odyssee mit der berühmten Schilderung des Besuches des Telemach, des Sohnes von Odysseus, bei König Nestor in Pylos, wo dieser Telemach von Nestors Tochter Polykaste in genau der Badewanne abgeschrubbt wurde, die wir heute im Palast noch bewundern können. Allerdings bezweifeln viele, daß es sich dabei wirklich um den Palast des homerischen Nestor handelt, denn was Homer über die geographische Lage dieses Palastes erzählt paßt ganz und gar nicht auf die Ruinen bei Chora (siehe nachstehender zweiter Vortrag). Die mykenische Geschichte Griechenlands und damit auch Messeniens endete mit der Zerstörung der Paläste von Pylos, Mykene, Tiryns und an anderen Orten etwa um 1200 v. Chr. Wir wissen nicht, welche Völkerschaften es waren, die diese Kultur zerstörten. Sie haben nichts hinterlassen außer den Ruinen der zerstörten Paläste. Sie blieben auch nicht hier um zu siedeln, sondern zogen weiter und wurden erst in Ägypten vom Pharao endgültig besiegt. Man hat keinerlei Überreste von ihnen hier gefunden. Jedenfalls war Messenien in der Folgezeit, die als das dunkle Zeitalter der griechischen Geschichte bezeichnet wird, nur noch dünn besiedelt. Die Kunst des Schreibens geriet in Vergessenheit, bauliche Überreste oder reich ausgestattete Gräber sind nicht mehr gefunden worden. Warum hat nun Messenien in der klassischen Epoche nicht wie die anderen griechischen Landschaften an seine ruhmreiche mykenische Vergangenheit angeknüpft, sondern ist kulturell praktisch in Vergessenheit geraten? Das erklärt sich durch seine Nachbarschaft zu Sparta. Das war keineswegs eine freundschaftliche Nachbarschaft, sondern im wesentlichen ein Kampf der kriegerischen Spartaner um die Unterwerfung Messeniens, dessen fruchtbares Land und seine Bewohner als sogenannte Heloten dazu herhalten mußten, den militaristischen Staat der Spartaner zu ernähren. Da Sparta selbst -trotz beachtlicher Anfänge im 8. Jhdt. v.Chr.- in der klassischen Zeit kulturell von keiner großen Bedeutung mehr war, konnte auch sein Umland und damit auch Messenien nichts beitragen, als die griechische Kultur ihren Aufschwung nahm. Die alten Schriftsteller, vor allem Pausanias, aber auch vor ihm schon Ephoros, Tyrtaios, Kallisthenes, Apollodor, Diodor und Myron, berichten uns von drei messenischen Kriegen, in welchen Sparta Messenien zuerst unterwarf und in der Folgezeit mehrere Befreiungsversuche vereitelte. Der erste dieser Kriege datiert um 740 v. Chr., der zweite um 650 v. Chr. und der dritte in den Jahren um 464 v. Chr.. Wahrscheinlich haben aber Apollodor und Strabo5 recht, daß es vier messenische Kriege gab, nämlich einen weiteren um 500 v.Chr. Die Eroberung Messeniens durch die Spartaner begann etwa um 740 v. Chr. Man schließt das aus den erhalten gebliebenen Siegerlisten von Olympia, weil darin letztmals um 736 v. Chr. ein messenischer Name auftaucht. Dieser erste erbitterte Kampf um Messenien, später als der erste messenische Krieg bezeichnet, soll 20 Jahre gedauert haben, bis die Messenier schließlich ihre Festung auf dem Berg Ithome räumen und sich den Spartanern ergeben mussten. In der Folgezeit ist ein großer Teil des messenischen Adels ausgewandert, und zwar nach Süditalien, wo um 720 v.Chr. die Stadt Rhegium, das heutige Reggio Calabria, unter maßgeblicher messenischer Beteiligung gegründet wurde. Die restliche Bevölkerung, die an Ort und Stelle blieb, wurde abhängig von Sparta und mußte die Hälfte ihrer Ernte dorthin abliefern, wenn sie auch noch nicht zu Heloten geworden waren. Unsere Gegend hier, das heißt Methoni und Pylos, gehörten damals noch nicht zu Messenien und waren dementsprechend auch nicht von den Spartanern unterworfen worden. Dies erfolgte erst im sog. 2. Messenischen Krieg. Mitte des 7. Jahrhunderts brach ein Aufstand der Messenier aus, der nach der antiken Überlieferung von deren Held Aristomenes angeführt wurde; nach ihm ist die Hauptstraße des heutigen Kalamata benannt. Nähere Einzelheiten über diesen 2. Messenischen Krieg sind aber in der Wissenschaft sehr streitig, auch die Person des Aristomenes und ihre genaue Datierung. Berühmt ist die Geschichte, wie die Spartaner im Entscheidungskampf gegen die Aufständischen ihre Truppen vor einem großen Graben aufstellten,damit diese nicht nach rückwärts fliehen konnten. Jedenfalls sind in diesem Krieg erstmals die Bewohner von Methoni und Pylos als Bundesgenossen auf Seiten der Messenier erwähnt, und sie mußten nach dem Sieg der Spartaner zum Teil ihr Land verlassen und sind nach Süditalien geflohen. Man bringt sie dort mit der Gründung der Stadt Metapont in Verbindung. Erst seit dieser Zeit wird die Gegend von Pylos und Methoni allgemein zur Landschaft Messenien gezählt. Die Verbleibenden wurden zu Heloten der Spartaner und trugen auf diese Weise dazu bei, daß die Spartaner ihren martialischen Staat unterhalten konnten, in welchem die einheimische Bevölkerung sich nur dem Sport und dem Krieg widmete, während die Bevölkerung der Umgebung für die Lebensmittel sorgen musste, wohl auch für die berühmt-berüchtigte Blutsuppe bei den Syssitien, den gemeinsamen Mahlzeiten, die einen griechischen Besucher damals zu der Feststellung veranlassten, jetzt wisse er, weshalb die Spartaner so tapfer kämpften und gerne in den Tod gingen. Ein weiterer Aufstand der Messenier gegen Sparta wird auf die Zeit um 500 v.Chr. datiert. Und zwar erschließt man das aus den Umständen der berühmten Schlacht von Marathon zwischen Athenern und Persern im Jahre 490 v.Chr. Damals hatten die Athener die Spartaner zu Hilfe gerufen, indem sie einen Läufer namens Pheidhippides dorthin schickten, der die Strecke von immerhin 240 km in 2 Tagen zurücklegte. (Dieser Lauf wird heute wieder regelmäßig von denjenigen ausgetragen, denen ein Marathonlauf viel zu kurz ist.) Dieser Name wird heute oft irrigerweise als derjenige des ersten Marathonläufers genannt; dessen Name wird aber von Herodot nicht überliefert. Manche sagen, das müsse derselbe Pheidippides gewesen sein, der schon kurz zuvor nach Sparta geschickt worden war. Belegt ist das nicht, und es wäre auch nicht einzusehen, weshalb Pheidhippides gesund und munter einen Lauf nach Sparta und zurück über fast 500 km überstehen konnte, dann aber von den lächerlichen 39 km6 von Marathon nach Athen zu Tode erschöpft hätte sein können. Nach der offiziellen Lesart des Herodot hätten die Spartaner dem Boten erklärt, daß sie aus religiösen Gründen erst bei Vollmond aufbrechen dürften, und so seien sie erst kurz nach geschlagener Schlacht zu spät in Marathon eingetroffen. Manche Historiker wollen aber aus verschiedenen Quellen, vor allem aus Plato, erschliessen, daß in Wirklichkeit ein gerade stattfindender Aufstand der Messenier die Spartaner abgehalten habe, sofort aufzubrechen. Das erscheint das aber ein bißchen unwahrscheinlich, denn warum sollte dieser Aufstand der Messenier gerade in den paar wenigen Tagen beendet worden sein, um die sich die Spartaner bei Marathon verspäteten? Für einen messenischen Aufstand um 500 v.Chr. spricht aber weiter folgendes: Der Zeitpunkt der Eroberung der sizilischen Stadt Zankle durch die Griechen steht mit 490 v.Chr. einigermaßen sicher fest. Da hieran Einwohner Messeniens so wesentlich beteiligt waren, daß kurz danach diese Stadt sogar in Messina umgetauft wurde, muß der sog. Dritte messenische Krieg zu diesem Zeitpunkt bereits mit einer Niederlage der Messenier und ihrer erneuten Vertreibung beendet gewesen sein. Auch in die Zeit dieses Krieges könnte Aristomenes datiert werden. Im Sommer des Jahres 464 v. Chr. gab es in Sparta ein verheerendes Erdbeben. Dadurch wurde ein beträchtlicher Teil der wehrfähigen Bevölkerung hinweggerafft, und die unterdrückten Messenier benutzten die Gelegenheit, sich wieder mal gegen die Spartaner zu erheben. Es kam zu einem weiteren messenischen Krieg, der aber wieder mit einer Niederlage der Messenier endete. Nach vier Jahren Belagerung auf dem Ithomeberg mussten sie sich auf freien Abzug ergeben und wurden von den damals mit Sparta verbündeten Athenern in Naupaktos angesiedelt. Die Abhängigkeit Messeniens von Sparta endete erst im Jahre 369 v. Chr. mit dem endgültigen Sieg des Epaminondas über die Spartaner bei Leuktra. Epaminondas war der thebanische Feldherr, der mit der Erfindung der sog. „schiefen Schlachtordnung“ das Mittel gefunden hatte, die militärische Überlegenheit Spartas zu beenden. Sparta verlor seine beherrschende Stellung auf der Peloponnes. Im Gefolge dieses Sieges wurden von Epaminondas die drei großen befestigten Städte Messene, Megalopolis und Mantineia gegründet, um die Spartaner für immer in Schach zu halten. In Alt-Messini, wo gegenwärtig große Ausgrabungen stattfinden, können wir heute noch die beeindruckende Stadtmauer und die riesige Agora besichtigen. Damals lebten immerhin 30.000 Einwohner dort. Die Rolle Spartas in Messenien und überhaupt im antiken Griechenland war damit ein für allemal beendet. Seit der Schlacht bei Leuktra fand Messenien den Anschluß an die allgemeine griechische hellenistische Entwicklung. Um Christi Geburt bezeichnete Strabo Messenien als größtenteils verödetes Land. Später dann im Mittelalter seit den Kreuzzügen stieg Messenien wieder zu einiger Bedeutung auf, als die Kreuzritter nach der Eroberung Konstantinopels das griechische Gebiet und die Inseln unter sich aufteilten und ihre Fürstentümer gründeten, wovon z.B. die Burg oberhalb Mistra bei Sparta zeugt, vor allem aber weil die Venezianer hier die großen Burgen Pylos, Methoni und Koroni bauten, um den Seeweg nach dem Nahen Osten zu sichern, die später dann von den Türken übernommen wurden. 1 Kiechle, S. 53 FN 4 2 Kouvelas, Giorgos: Finikounta, Istoria kai Zoi, Kalamata 1997 3 Chadwick, Die mykenische Welt, 1973 4 Strabo Geographica 337 ff. 5 Geographica 362 6 Die Entfernung Marathon – Athen beträgt keine 42, 195 km; erst seit den Olympischen Spielen 1912 in London geht der Marthonlauf über diese Distanz 7 Geographica 362 8 Literatur: Kiechle, Franz, Messenische Studien: Untersuchungen zur Geschichte der Messenischen Kriege und der Auswanderung der Messenier, Lassleben 1959, auch Diss. Erlangen 1957
Wo wohnte König Nestor? Vortrag von Prof. Dr. Wolff Parmentier, Karlsruhe/Lachanada am 02.06.2009 in Finikounda, Taverne "To Kyma" Die Veröffentlichung erfolgt auf dieser Homepage mit freundlicher Genehmigung des Verfassers Wenn wir von Pylos nach Chora fahren, finden wir dicht bei der Straße auf der Gemarkung Ano Englianos die berühmten Ruinen des mykenischen Palastes von König Nestor, die größte archäologische Sehenswürdigkeit in Messenien. Dieser Palast war unter allen mykenischen Palästen auf der Peloponnes damals zwar nicht der größte, wohl aber der am prächtigsten ausgestattete und der am wenigsten befestigte. Keine Kyklopenmauern wie in Mykene oder Tiryns waren nötig, man fühlte sich nicht bedroht. Die Archäologen sagen uns, daß dieser Palast wie auch die anderen auf der Peloponnes um 1200 v.Chr. zerstört wurde, wir wissen nicht von wem. Von seiner Entdeckung an wurde dieser Palast dem aus Homers Ilias und Odyssee bekannten König Nestor zugeschrieben. Wer war dieser König Nestor, lebte er tatsächlich, wann und wo, und woher wissen wir, dass es sich gerade um seinen Palast handelte, der dort in den Jahren 1939 bis 1956 von dem amerikansichen Archäologen Carl Blegen ausgegraben wurde? Literarische und archäologische Quellen der späten Bronzezeit auf der Peloponnes Von etwa 2500 – 1200 v.Chr. dauerte die Bronzezeit in Griechenland. Irgendwann um 2000 v.Chr. sind wohl die späteren Griechen von Norden her zugewandert bis herunter nach Lakonien und Messenien. Von der ausgehenden Bronzezeit um 1200 v. Chr. haben wir interessanter Weise für die Peloponnes einerseits ausführliche literarische Quellen, nämlich die Schilderung in den beiden großen Epen Homers, Ilias und Odyssee, andererseits reichhaltige archäologische Funde vor allem hier in Messenien. Seit Heinrich Schliemann mit seinen Ausgrabungen in Troja und Mykene, Orchomenos und Tiryns die griechische Bronzezeit archäologisch erschlossen hat, sind viele Bemühungen unternommen worden, die homerischen Epen und die Ruinen zusammen zu bringen, also die Erzählungen Homers zu lokalisieren, wo genau die Schauplätze der geschilderten großarrtigen Abenteuer und Heldentaten gewesen sein könnten. Noch schöner wäre es natürlich, gewissermaßen ein Traum der Archäologen, den die Leser der beiden Epen gerne mit träumen, wenn man auch die in den Epen genannten Helden aus den archäologischen Quellen namentlich bestätigen könnte. So weit ist man aber noch nicht. Es ist trotzdem interessant zu beobachten, wie die fortschreitenden archäologischen Ausgrabungen immer weitere Einzelheiten der Epen bestätigen, ohne daß allerdings eine vollständige Übereinstimmung erzielt würde. So sind z.B. viele Götter- und Personennamen aus den Epen auf den Linear-B-Täfelchen aufgetaucht, die im Nestor-Palast und in Knossos aufgefunden wurden, so Poseidon und Athena, und man mußte sich daran gewöhnen, daß z.B. der Gott des Weines Dionysos kein spät in den Olymp aufgenommener Gott war, wie man früher annahm, sondern schon damals dazu gehörte. Allerdings fehlt unter den gefundenen Namen bis heute ein Nestor ebenso wie ein Agamemnon oder Odysseus. Neuestes Beispiel für diese fortdauerende Suche nach archäologischen Beweisen für die homerischen Epen ist die Grabungskampagne, die der kürzlich verstorbene Professor Korfmann aus Tübingen seit 1988 in der Troas durchführte. Als Schliemann im Jahre 1876 an den Dardanellen bei Hissarlik die Überreste einer Burganlage aus der Zeit zwischen 2500 v. Chr. und der Römerzeit gefunden hatte und sofort mit dem homerischen Troja gleichsetzte, war das gewichtigste Argument seiner Gegner, diese Überreste seien zu klein, um als das von Homer als gewaltige Feste geschilderte Troja gelten.zu können. Das hatte auch Schliemann selbst zu Denken gegeben. Er hat sich damit beholfen, dass eben Homer in dichterischer Freiheit die Größe der Stadt übertrieben habe, um die Bedeutung des trojanischen Krieges hervorzuheben. Für Korfmann und Latacz steht jetzt aber auf Grund geomagnetischer Untersuchungen fest, dass Troja vor der Burg in der Ebene eine Unterstadt aufwies, die fast zehnmal so groß war wie die Burganlage, so daß es tatsächlich eine große Handelsmetropole am Bosporus gewesen sein müsse. Ob es sich hierbei aber wirklich um eine Stadtanlage handelt und nicht nur um landwirtschaftlich genutzte Flächen wie Bauernhöfe ist für andere Archäologen noch lange nicht erwiesen. Denn zu wenig ist bisher dort ausgegraben, als daß man Gewißheit haben könnte, und das Gefundene ist widersprüchlich. Der Streit um Homer kann also weitergehen. Er hat schon im klassischen Altertum begonnen, als sich sieben Städte, darunter auch unser Pylos, darum stritten, welches der Geburtsort Homers gewesen sei: Έπτα πόλεις μαρνάντο σαφήν δία ρίζαν Ομήρου Σμύρνα Χίος Κολωφών Ιθάκη Πύλος Άργος Αθήναι (7 Städte stritten um die wahre Herkunft Homers, Smyrna Chios Kolophon Ithaka Pylos Argos Athen) Auch die Person Homers selbst ist ja umstritten, ob es ihn überhaupt gab, ob es nicht zwei Dichter gewesen sind, die diese beiden Epen verfasst haben, oder ob nicht einer nur die mündlichen Überlieferungen zusammengefasst hat, ohne selbst dichterisch etwas beizutragen. Das ist aber ein Thema für sich. Fest steht jedenfalls, daß beide Epen zwischen 750 und 700 v. Chr. niedergeschrieben worden sind und einen Anfang aller europäischen Literatur darstellen, wie er großartiger nicht sein könnte. Fest steht auch, daß darin eine Zeit geschildert wird, die damals schon viele Jahrhunderte vergangen war. In neuester Zeit hat ein gewisser Raoul Schrott den Versuch unternommen, Homer als westanatolischen Schreiber an die Südküste der heutigen Türkei zu verpflanzen, der nicht viel mehr getan habe, als hethitische und sumerische Sagen abzuschreiben, angefangen vom Gilgamesch-Epos. Darüber wird z.Z. lebhaft gestritten. Warnen muß ich aber vor der Lektüre seiner Homer-Übersetzungen: Wieso es nötig sein soll, den heutigen Vulgärstil mancher Schriftsteller auf die beiden Epen zu übertragen, leuchtet mir nicht ein. Die Sprache beider Epen war schon im Altertum eine gehobene, volksfremde Kunstsprache, die gerade deshalb ihren Siegeszug durch Alterum, Mittelalter und Neuzeit antreten konnte. Die Leute, die Schrott mit seinem Stil ansprechen will, interessieren sich nicht für Homer. Das ist wirklich nur Schrott! Versuche zur Lokalisierung der homerischen Epen Vor allem hinsichtlich der Irrfahrten des Odysseus gibt es Hunderte von Versuchen, die Orte zu finden, wo der einäugige Kyklop seine Höhle hatte, - man sagte in Westsizilien-, wo das Lotophagenland war – man sagte auf der Insel Djerba-, oder wo Skylla und Charybdis die Seefahrer bedrohten – man sagte in der Straße von Messina-, wo die Zauberin Kirke den Odysseus gefangen hielt und seine Gefährten in Schweine verwandelte (wozu nach Ansicht mancher Feministinnen gar keine Verwandlung nötig gewesen sei) – man sagte bei Kap Circeo in Mittelitalien. Bis heute hat sich hier keine einheitliche Meinung ergeben. Die meisten sind der Ansicht, die schon im Altertum geäußert wurde, man könne die von Homer geschilderten Örtlichkeiten ebenso wenig lokalisieren wie man den Schuster finden könne, der die Lederschläuche produziert hat, in welchen der Gott der Winde Aiolos die günstigen Winde für die Heimfahrt eingesperrt hatte, die von Odysseus Gefährten zur Unzeit geöffnet wurden und das Boot kurz vor Ithaka wieder zurück warfen. Nicht so problematisch ist es mit den Örtlichkeiten, die in der Ilias genannt werden. Während in der Odyssee der Dichter seine Zuhörer vielleicht bewusst ins Märchenland führen wollte, damals begann ja die griechische Kolonisation im Schwarzen Meer und in Süditalien, musste er bei seinen Schilderungen des bronzezeitlichen Griechenlands darauf Rücksicht nehmen, dass seine Zuhörer mit der Geographie ihres Heimatlandes bestens vertraut waren. Wir nehmen ja an, daß Homer ein fahrender Sänger war, der um 750 v.Chr. an den Höfen der griechischen Fürsten seine Dichtungen vortrug, und zwar auswendig, so wie er es selbst von dem Sänger Demodokos erzählt, den Odysseus am Hofe des Phäakenkönigs Alkinoos antraf. Weil er diesen Demodokos als blind schildert, nimmt man an, auch Homer selbst sei blind gewesen. Wo er dann allerdings seine zahlreichen eindrucksvollen Naturschilderungen hernahm, bleibt dabei ungeklärt. Deshalb retten manche diese Annahme vom blinden Sänger Homer damit, daß er erst im Alter blind geworden sei. Man muß sich eben zu helfen wissen. Diesen griechischen Zuhörern durfte Homer im Hinblick auf Griechenland geographisch nichts vormachen. Er musste im Gegenteil darauf achten, dass die Genauigkeit seiner geographischen Schilderungen die Überzeugung der Zuhörer von der Wahrheit der Erzählung stützte. Was erzählt uns nun Homer über Nestor, und was es erzählt er uns über den Palast von Pylos? Zur Person Nestors König Nestor, Sohn des Neleus, war einer der bedeutendsten Helden, die mit Agamemnon in den trojanischen Krieg zogen. Homer nennt ihn den „gerenischen[1] Rossebändiger aus dem sandigen Pylos“ und schildert ihn als rüstigen Greis von etwa 70 Jahren, drei Generationen hat er erlebt, der aber noch tatkräftig am Kriegsgeschehen teilnimmt, selbst gegen Hektor, den größten Helden der Trojaner tritt er an, wenigstens wenn Diomedes an seiner Seite war, der vor allem jedoch die Achaier durch seine Ratschläge in der Heeresversammlung mannigfach unterstützt, mit großer Beredsamkeit, die an Redseligkeit grenzt, und sehr darauf bedacht, seine Heldentaten aus der Jugendzeit herauszustellen. Seitdem nennt man überall das älteste Mitglied einer Versammlung mit der größten Erfahrung „Nestor“. Mit den Kentauren, den Pferdmenschen, will er noch gekämpft haben, Herakles selbst habe seine Brüder erschlagen, und sein Beitrag zur griechischen Flotte gegen Troja beläuft sich auf stolze 90 Schiffe, das zweitgrößte Kontingent hinter Agamemnon mit seinen Mykenern. Vor allem dieser Umstand zeigt uns die große Bedeutung, die Pylos in der mykenischen Zeit gehabt haben muß und die auch durch die reichen archäologischen Funde aus der Bronzezeit hier in Messenien, vor allem aber durch den Palast bei Chora bestätigt wird. Messenien hatte zu dieser Zeit eine herausragende Stellung auf der Peloponnes und in Griechenland, die es später nie wieder erreicht hat. Die Lage des Palastes Die Lage des Palastes von König Nestor war schon im Altertum umstritten. Dabei ist zu beachten, dass die heute freigelegten Ruinen bei Chora schon damals nicht mehr sichtbar waren, der Streit also nur an Hand der Literaturfundstellen ausgetragen werden konnte. Insoweit sind wir heute besser dran, seit der amerikanische Archäologe Blegen zwischen 1939 und 1956 die Reste dieses Palastes freigelegt hat. Zuvor waren von Dörpfeldt kümmerliche Reste eines mykenischen Palastes bei Kakóvatos in Triphylien ausgegraben worden, die dieser in Übereinstimmung mit dem antiken Geographen Strabo für den Nestorpalast hielt. Heute müssen sich die Literaturstellen aus dem Altertum an den Ruinen von Chora messen lassen. Homer macht einigermaßen genaue Angaben zur Lage des Palastes. Im Dritten Buch der Odyssee schildert er, wie Telemach, der Sohn des Odysseus, in einer einzigen Nachtfahrt mit dem Boot von Ithaka nach Pylos gekommen sei. Ein andermal erzählt er, wie Neleus, der Vater von Nestor, in der Gegend von Olympia Rinder gestohlen hatte und diese in einem Tag bis zu seinem Palast treiben konnte. Beides vereinbart sich nicht mit der Lage des Palastes an der Bucht von Navarino. Die damaligen Schiffe konnten nicht in derart kurzer Zeit diese Strecke zurücklegen, und eine Rinderherde von Olympia in einer Nacht bis nach Navarino zu treiben ist auch unmöglich, wie wir selbst bestätigen können. Andererseits schildert Homer aber auch den Weg, den Telemach auf der Heimfahrt von Pylos nach Ithaka mit dem Schiff zurücklegt, und dabei nennt er durchaus Städte und Flüsse, die zwischen Navarino und Kyparissia lagen. Die Alten pflegten bei solchen Widersprüchen im Epos sprichwörtlich zu sagen, „hic dormivit Homerus - hier schlief Homer“. Das hilft uns aber nicht weiter. Der sog. Schiffskatalog der Ilias und die mykenische Geographie Im sog. „Schiffskatalog“ im 2. Buch der Ilias, wo die Herkunft der griechischen Kontingente aufgezählt wird, die sich zur Heerfahrt nach Troja in der Bucht von Aulis gegenüber der Insel Euböa versammelt hatten, werden aus dem Reich Nestors nur solche Städte aufgezählt, die sich von der Bucht von Navarino nördlich bis nach Triphylien, also um Kyparissia, befinden. Die Gegend hier unten um Methoni fehlt völlig. Dies deutet darauf hin, daß zumindest zur Zeit Homers im 8. Jhdt. das Reich Nestors weiter im Norden gesehen wurde. Danach könnte also der Palast weiter nördlich gelegen haben. Auch die immer wiederkehrende Nennung des „sandigen“ Pylos als epitheton ornans passt nicht so sehr auf den Palast bei Chora, sondern eher auf die langen Sandstrände bei Kakovatos. Da aber aus den Linear-B-Täfelchen aus dem Nestorpalast eindeutig hervorgeht, daß dessen Herrschaftsgebiet sich von Kyparissia bis Finikounta und bis hinüber nach Kalamata erstreckte, sehen manche darin eine Bestätigung dafür, daß der Schiffskatalog nicht schon aus der Zeit des trojanischen Kriegs stammt, sondern eine spätere Einfügung aus der Zeit um 750 v. Chr. darstellt, und zwar vom Dichter eingefügt, um den jeweiligen griechischen Zuhörern an den Fürstenhöfen im 8. Jhdt. zu schmeicheln, daß auch ihre Stadt schon im trojanischen Krieg mitgekämpft habe. Zur Zeit ist Fakt, daß der eindrucksvollste bronzezeitliche Palast in der westlichen Peloponnes eben hier bei Ano Englianos gefunden wurde, dass er nach den dort gefundenen Schrifttafeln bei Pylos (Pu_ro in den Täfelchen) lag und daß das Reich des Nestor nach Homers Schilderung das zweitgrößte der damaligen Zeit auf der Peloponnes war. Daß gerade dort auch noch die Badewanne gefunden wurde, wie sie auch in der Schilderung Homers vorkommt, worin die Tochter des Nestor, Polykaste, den Telemach abschrubbte, ist eine merkwürdige Koinzidenz. Solange auf der westlichen Peloponnes kein anderer, ähnlich prächtiger Palast gefunden wird, können wir ohne weiteres davon ausgehen, dass der bei Chora aufgefundene Palast derjenige ist, auf den sich die Schilderung Homers bezieht. Vielleicht auch deshalb, weil die ganze Odyssee nur eine Dichtung ist und der Dichter bei der Schilderung des Palastes seines Nestors den schönen Palast in Ano Englianos vor Augen hatte. Wir sind also gewissermaßen Untertanen von König Nestor. [1] Wohl weil er bei den Gereniern aufgewachsen war, nach anderen weil er der altehrwürdige Kriegsteilnehmer war. |
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