Land, Leid und List der Griechen heute

Liebenswert wie schon immer! Die Griechen selbst schätzen und lieben Ihr Land – aber nicht den Staat – über alles, finden es das Schönste der Erde und freuen sich deshalb über jeden Gast, der dies mit seinen Besuch bestätigt. Sie zeigen Nationalstolz und üben sich als Herrenvolk ob ihrer ruhmreichen Vergangenheit. Sie bewundern das Wirtschaftswunder Deutschlands und Europas vor 50 Jahren wie die Leistungen des Archimédes und des Evpálinos vor 2430 Jahren ebenso wie die militärische Leistungen vor 70 Jahren, die an Alexander den Großen vor 2344 Jahren erinnern. Sie zeigen eine überwältigende Gastfreundschaft, die man als Auswärtiger bei privaten Begegnungen immer wieder erlebt: Das Anbieten eines Glases Wasser ist ungeschriebene Mindestpflicht! Das gilt heute noch uneingeschränkt – meistens wird’s ein Whisky oder Ouzo. Jahrhunderte der Fremdherrschaft und das Ehrenverständnis der Antike haben die Griechen geprägt. Die einzigartige Natur und toskanisch anmutende Landschaft im ägäischen Licht nimmt nach wie vor jeden Besucher gefangen, und der für uns oft beneidete Lebenstil seiner Bewohner gibt Millionen Urlaubern Ruhe und Kraft für ein weiteres Jahr stressigen Berufsalltag in Mitteleuropa.

In 20 Jahren meines Aufenthaltes als Deutscher in Griechenland habe ich nicht einmal eine deutschfeindliche Reaktion erlebt. Seit Ausbruch der Wirtschaftskrise in 2009 haben sich allenfalls die politischen Späße beim Betreten eines Kaffeehauses erhöht. Ebenso erhöht hat sich das Jammern von Griechen über die wirtschaftlichen Situation in den Städten. Hier fehlt oft die zweite oder dritte Einkommensquelle. Die Kürzung des Haupteinkommens oder der Arbeitsplatzverlust führt oft in die Armut – ein Zustand, wen wir in Europas Städten leider schon immer kennen. Anders als die Griechen. Deshalb ist die Erkenntnis bitter, dass die große Party vorbei ist, die es so in anderen europäischen Ländern nie gab.

Die Griechen sind Lebenskünstler mit der höchsten Lebenserwartung in Europa (repräsentative Erhebung der EU auf Kreta zum Thema Olivenöl). Unsere europäische Seele blüht im Land dieser Menschen auf. Sie fragen mich tatsächlich oft in diesen Tagen, „was da draussen in Europa gerade abläuft! Warum sind die Berichte polemisch, verfälscht und treffen bestenfalls Halbwahrheiten?“ (an solche Fragen kann ich mich auch zu Zeiten des Serbienkrieges erinnern, giechische Berichterstattungen sahen anders aus). Ein Volltreffer ist die Darstellung griechischer Mentalität im Film über Alexis Sorbas (Anthony Quinn), als sein Lebenswerk, die Materialseilbahn, zum Schluss zusammenbricht. Dann fangen wir eben nochmal von Null an. Er beginnt – anstatt nordeuropäisch depressiv zu werden – zu feiern und zu tanzen. Jenen berühmt gewordenen Tanz, bei dem sich die Touristen so gerne mit einhängen, der aber in Wirklichkeit nur für diesen Film erfunden wurde: der Sirtaki. Griechische Volkstänze gibt es zwar genug, aber die sind für unser westliches Ohr zu orientalisch. Der Sirtaki freut uns, die Griechen auch, die wissentlich Weltmeister sind im Improvisieren. Alles beginnt eben sehr langsam, bis es am Ende eine teuflische Geschwindigkeit annimmt, die die wenigsten beherrschen. Am Ende wird immer alles gut. Das war bei den Olympischen Spielen 2004 nicht anders.

Europas Politiker sind der List der Griechen nicht gewachsen, oder spielen wegen milliardenschwerer Investitionen der Griechen mit. Wohl alles zusammen. Das war vor 3000 Jahren in Kleinasien, genauer gesagt, in Troja nicht anders. Diesmal sind umgekehrt „die Trojaner“ schon in Europa drin. Sie waren eben bisher die besseren Geschäftsleute. Sie sind und bleiben ein interessantes und liebenswertes Volk mit Humor, List und Lebensfreude, welches wir vor Ort insgeheim beneiden und das uns oft zum Schmunzeln bringt. Und deshalb haben sie es nicht verdient, dass die europäische Presse (FOCUS und Tageszeitungen) erst nach 29 Jahren entdeckt, welches „Weichwährungsland“ sich die EU 1981 und 2001 freiwillig und ohne Prüfung ins Boot holte und deshalb eine beispiellose Anti-Griechenland-Angstkampagne 2009 bis 2011 fuhr, die sie zugunsten der Island-Vulkanangst kurzfristig und punktgenau 6 Tage völlig ausgesetzt hat. Angstkampagnen sind das Tagesgeschäft der europäischen Presse zur Erhöhung der Auflagenzahl oder der Einschaltquoten, die erst bei Erfolglosigkeit oder Auftauchen anderer Themenopfer beendet werden, ohne Antworten zu geben wie bei der Schweinegrippe (hat nachweislich nicht stattgefunden), der Lehman-Finanzkrise (schon vorbei), dem Klimawandel (zugegebener Datenbetrug), dem deutschen Waldsterben (fiel aus) und nun der Euroangst. 2015 ging es bereits wieder los. Wir zittern schon. Wäre da Sirtakitanzen nicht besser?

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